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Freitag, 30. Juli 2010
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Experte fordert Ernährungsunterricht

Thema auch auf der didacta mit Starkoch Tim Mälzer

16.02.2007  (bikl) "Nahrungszubereitung ist eine alte Kulturtechnik und wir sind gerade dabei, sie nicht mehr vernünftig an die nächste Generation weiterzugeben", beklagt Helmut Heseker. Der Ernährungswissenschaftler von der Universität Paderborn will mit dem Modellprojekt REVIS "Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in allgemeinbildenden Schulen" jetzt dafür sorgen, dass das Thema wieder Einzug in die Klassenzimmer hält.


Prof. Dr. Helmut Heseker
Bereits vor sieben Jahren hatte ein Team um den Paderborner Wissenschaftler im Projekt Ernährung in der Schule (EIS) einen bundesweiten Trend festmachen können: Ernährungsunterricht war in allen Bundesländern rückläufig und erreichte immer weniger Schüler. Als Pflichtfach wird Hauswirtschaft höchstens noch an Hauptschulen angeboten und "als Wahlangebot konkurriert es mit Computerunterricht und anderen spannenden Kursen - da kann man sich vorstellen, welche Wahl die Schüler treffen."

Übergewicht und auffälliges Essverhalten

Parallel dazu aber wachsen die gesundheitlichen Probleme der jungen Generation: Bei einer Rumpfbeuge erreichen 43 % aller 4- bis 17-Jährigen in Deutschland nicht das Fußsohlenniveau. 15 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren sind übergewichtig. Bei 21,9 % aller 11- bis 17-Jährigen findet man Auffälligkeiten beim Essverhalten Das sind einige Ergebnisse von KiGGS, der aktuellen Kinder- und Jugendgesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts.

Die Ursachen sind schnell ausgemacht: Weniger Bewegung und verändertes Essverhalten. Kinder sitzen immer häufiger und länger an PC und Fernsehgeräten, gleichzeitig stehen ihnen beinahe jederzeit preiswerte und schmackhafte Lebensmittel zur Verfügung. Dieses innerhäusliche Entertainment wird mehr und mehr zu einem Problem insbesondere in sozial schwachen Familien. Die Quote übergewichtiger und falsch ernährter Kinder steigt mit abnehmendem Bildungsgrad und Einkommen der Eltern.

Es geht um soziale Gerechtigkeit

Ernährungs- und Verbraucherbildung ist für Helmut Heseker in erster Linie eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, weil die Institution Schule nämlich alle Kinder erreicht. Dabei geht es ihm nicht darum, ein neues Fach zu kreieren, vielmehr soll Ernährungsbildung in vorhandene Fächer wie Biologie, Sachkunde, Sport oder Hauswirtschaft integriert werden. Außerdem empfiehlt er, das Thema Ernährung und Gesundheit in das Schulkonzept aufzunehmen. Die ersten Bundesländer – Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen - sind bereits dabei, das REVIS-Konzept in den Schulen umzusetzen.

Gleichwohl weiß Heseker, dass dies ein langer und mühsamer Weg ist. "In der Nach-PISA-Diskussion fallen die 'kleinen Fächer' überall hinten runter: Da wird dann etwa ganz schamlos darüber diskutiert, ob man in der Oberstufe den Sportunterricht nicht einfach wegfallen lassen kann, damit die Stundentafel beim Abitur nach 12 Jahren eingehalten werden kann."

Schulspeisung statt Kindergeld

An die Politiker hat der Ernährungswissenschaftler einen wenig populären Vorschlag: "Mir wäre es lieber, wenn man das Kindergeld kürzen würde und mit diesem Geld stattdessen die Schulverpflegung finanzieren würde. Kinder werden nämlich reihenweise abgemeldet, weil den Eltern das Mittagessen mit zwei Euro zu teuer ist. In den USA hingegen wird das Schulessen von einem Viertel der Schüler komplett und einem weiteren Viertel teilweise vom Staat finanziert - dafür gibt es dort kein Kindergeld."

Essen aus dem Altersheim

Allerdings ist die Qualität des Essens in den Ganztagsschulen ein weiteres ungelöstes Kapitel. Sicher gibt es gute Beispiele und eine Vielzahl von Initiativen, die sich um gesundes Schulessen bemühen. Letztendlich aber entscheidet häufig das Geld. Dann werden Caterer beauftragt, weil eine eigene Küche, wo das Essen frisch zubereitet werden könnte, mehr Geld kostet - vom Personal ganz abgesehen. Oder das Essen kommt aus Altenheim- oder Krankenhauskantinen, die damit ihre Kapazitäten besser auslasten. Auf die Ernährungsbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen eingestellt sind sie allerdings selten. So hat das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) die Ernährungssituation vieler Schulkinder im Jahr 2005 mit der Note 5 - mangelhaft - bewertet.

Nicht mal mehr ein Spiegelei

Zu Hause die Mikrowelle und in der Schule das fertig angelieferte Essen: Viele Kinder wissen gar nicht, dass Kartoffelbrei auch frisch zubereitet werden kann oder wie ein Kuchen gebacken wird. Auch hier kann die Schule für die notwendige Bildung sorgen. Weil die Weichen früh gestellt werden und Grundschulen selten über eigene Schulküchen verfügen, hat das Team um Heseker bereits vor Jahren den Prototyp einer "mobilen Esswerkstatt" entwickelt, die auch in normalen Klassenzimmern für den Kochunterricht genutzt werden kann.

Denn welche Auswirkungen fehlende Kochpraxis langfristig haben kann, beweisen Zahlen aus den USA. Demnach kann dort über ein Viertel der Männer keine Spiegeleier mehr zubereiten. "Und wir sind auf dem besten Weg dahin", befürchtet Heseker.

Tim Mälzer zum Thema Schule und Ernährung

Gesundheit und Ernährung werden auch auf der diesjährigen didacta in Köln thematisiert, etwa wenn gesundheitsfördernde Konzepte für Kitas und Schulen vorgestellt werden, wenn es um mehr Bewegung in Schulen geht oder wenn Tim Mälzer erklärt, weshalb Ernährung auf den Stundenplan der Schule gehört. In der Reihe "Bildung persönlich" unterhält sich die WDR-Journalistin Carola Pfeiffer am 28.02. um 16:30 Uhr im Forum didacta aktuell Halle 9, D-039 mit dem bekannten Fernsehkoch.



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